Henry
hatte den Dreh auf Anhieb raus. Behende folgte der Kater dem luftigen Pfad aus
sechs Metern Höhe nach unten, um dann einen Rundgang durch sein Revier zu
machen.
Sein Bruder Leo jedoch stellte sich stur. Kläglich miauend stand er an der
Wohnungstür und wartete, dass ihn jemand wie bisher ins Freie brachte.
"Nicht nur wir Menschen, auch die Katzen sind eben Gewohnheitstiere",
meint Birgitt Schray lachend. Natürlich hatte sie das Gejammere bald satt, und
Leo bekam, was er wollte. "Für den Rückweg haben sich die beiden Kater
dann eine besondere Strategie ausgedacht", berichtet die Katzenfreundin
weiter. Henry nahm den Klettersteig und machte uns lauthals darauf aufmerksam,
dass sein Bruder unten wartet und abgeholt werden möchte.
Birgitt Schray und ihre Freundin Andrea Achmann versuchten weiterhin Leo mit
allen möglichen Tricks für den neuen Weg nach draußen zu begeistern. Doch der
Kater saß stur an der Tür und miaute. Da war die Enttäuschung natürlich
erstmal groß. Denn die beiden Katzenfreundinnen aus Tübingen hatten wochenlang
gemeinsam mit dem benachbarten Zimmermeister Johannes Reichbauer und einer
Freundin, die im Metallbau arbeitet, herumgetüftelt, um die Katzentreppe zu
entwickeln und die erforderlichen Genehmigungen zu einzuholen. Die Nachbarn
hatten zwar nichts gegen Katzenbesuch von oben, die Eigentümerversammlung hatte
jedoch die Auflage gemacht, dass die Vorkehrung nicht an der Hausfassade
angedübelt werden dürfe. Freiraum aus Metall und Holz
Trotzdem musste die Treppe natürlich stabil genug sein, dass die beiden
kräftigen Kater sicher nach unten gelangen konnten. Eigentlich sieht sie aus
wie ein Regal, an dem die Bretter schräg angebracht sind, erläutert Birgitt
Schray die Konstruktion, die aus Aluminum-Vierkant-Rohren, Winkeleisen und Holz
besteht und nur am Balkon, in der Mitte an der Halterung der Abgasleitung und am
Lichtschacht im Erdgeschoß befestigt ist.
Perfekt bis auf
die Blumen
Da die vier Erfinder so viel Mühe investiert hatten, wollten sie natürlich
nicht gleich aufgeben, nur weil Leo herumzickte. Nachdem Johannes Reichbauer die
Podeste vergrößert hatte, wurde der Kater bangen Herzens erneut auf den
obersten Treppenabsatz platziert. Ganz langsam wagte er unter dem Zuspruch
seiner Besitzerin den ersten Abstieg. Inzwischen benutzt er die Treppe genauso
selbstverständlich wie Bruder Henry.
Eigentlich fehlen nur noch die Hängegeranien an den einzelnen Etagen,
schmunzelt Birgitt Schray.
Sonst ist alles perfekt.
So perfekt, dass Johannes Reichbauer die Katzen-Wendeltreppe demnächst als
fertigen Bausatz anbieten will. |